Page 51 - Spielinfo 1 2023
P. 51

D i g i t a l




          ich  am  dringendsten  brauchte  und  wollte  –  ich  musste
          mich spüren, ich musste mich bewegen, ich wollte mit an-  Differenzierung zwischen «Spiel»,
          deren verbunden sein, ich brauchte Herausforderung, ich   «Glücksspiel» und Glückspiel-Sucht
          brauchte Bestätigung und ich habe Orientierung und Kon-
          trolle  gesucht.  Einzig  im  Spiel  draussen  in  der  Natur   Das  Spiel  wird  in  der  Literatur  als  positiver  Motor  für  die
          konnte ich all das finden und ich bin heute in der Rück-  Entwicklungs- und Kulturgeschichte des Menschen betrachtet
          schau  sicher,  dass  ich  wusste,  dass  ich  es  dort  finden   und auch in Therapie und Pädagogik erfolgreich eingesetzt.
          würde, weil ich auch vor diesem traumatischen Ereignis   Das  Glücksspiel  stellt  eine  besondere  Form  des  Spiels  dar
          gewohnt war, draussen in der Natur mit Freunden zu spie-  und ist dadurch gekennzeichnet, dass der Ausgang des Spiels
          len.  (Wir  nannten  das  Spiel  damals  «Hölzer  Versteck»   vom  Zufall  abhängt  und  nicht  vom  Einsatz,  oder  der
          heute ist es unter «Scheitelschlagen» zu finden).      Geschicklichkeit sowie Fähigkeiten des jeweiligen Spielers.
          Nun war das auch zu einer Zeit, in der es noch keine digi-  Die Glücksspiel-Sucht deckt eine Problematik bezüglich der
          talen Spiele, in der es keine Computer, Laptops und Han-  spielerischen Handlung auf, die mit dem Selbstwertgefühl der
          dys für Kinder gab und wir gewohnt waren, uns täglich   abhängigen  Person  und  dem  Aufforderungscharakter  des
          zum Spielen zu sehen. Das hat es leichter gemacht genau   Spiels an sich und der Verfügbarkeit zu tun hat.
          diesen Weg zu gehen. Es bedurfte keiner Worte und Erklä-
          rungen,  es war  einfach  der natürliche Ausdruck  dessen,
          was mein Bedürfnis war und was mein persönliches Um-
          feld anbot. Wäre dies in heutiger Zeit passiert und ich hätte   gen der eigentlichen Probleme immer schlechter, und nur
          mich mit einem Computerspiel in die digitale Welt zurück-  noch  das  Computerspiel  wirkt  für  die  Regulierung  von
          ziehen können, dann wäre ich wohl darin versunken. und   Emotionen.»
          mein Vater, der versuchte seinen eigenen Schmerz zu be-
          wältigen, wäre auch sicher nicht auf die Idee gekommen,   Gesundes Spiel – was ist damit gemeint?
          dass mir diese Ablenkung schaden könnte.             Analoge Spiele, die Selbstbewusstsein, Zufriedenheit und
                                                               Konzentration fördern und dabei Angst, Unsicherheit und
          Gesundes Spiel – Ressourcen und                      Stress reduzieren, sind gesund. Es sind Spiele, die Körper
          Kompetenzen fördern                                  und Geist ansprechen. In den 90er Jahren wurden bereits
          Das Spiel fördert die geistige und körperliche Gewandt-  Studien dazu gemacht, welche Spielhandlungen Kinder für
          heit, den Mut zum Risiko und die Ausdauer, das Konzent-  ihre  Entwicklung  brauchen.  Da  sind  Bewegungsspiele,
          rationsvermögen, die Angriffslust, die Freude am Sieg ge-  Partner-  und  Kontaktspiele,  Geschicklichkeitsspiele  zur
          nauso, wie die Gelassenheit beim Verlieren. Das Spielen   Entwicklungsförderung und da sind Strategiespiele, Kar-
          entwickelt  das  Vergnügen  an  vielfältigen  Bewegungen,   ten- und Würfelspiele, bei denen der Umgang mit Zufall,
          Geschicklichkeit, Schnelligkeit, Kraft, die Fähigkeit Situ-  Glück und Pech, Jubel und Frustration trainiert wird und
          ationen einzuschätzen und darauf zu reagieren.       damit Lebensthemen bearbeitet werden.
          «Spielend bekommt man Lust zum Ausprobieren und Ex-  Digitale Spiele und Glücksspiel können das ebenso, aber
          perimentieren;  Der  Übergang  zum  Lernen  und  wissen-  diese verändern nach und nach das Freizeitverhalten, da
          schaftlichen Arbeiten ist hier fliessend. Die Spieler entwi-  sie ständig zur Verfügung stehen und so schnell Befriedi-
          ckeln ihre Kreativität, ihr Vorstellungsvermögen. Sie ler-  gung  durch  Ablenkung  bringen,  was  abhängig  machen
          nen  sich  in  einem  Regelwerk  zu  bewegen  (…)»  (Zitat:   kann und die eigenen Ressourcen nicht ausreichend för-
          Hans Fluri, 1012 Spiele).                            dert, um nachhaltig den Anforderungen des Lebens zu be-
                                                               gegnen. Es soll kein Plädoyer gegen digitale Spiele sein –
            Förderung des Selbstwertes     Planen & Staunen   aber die Waage der aktuellen Spielangebote sollte ausge-
            Autonomes Denken fördern     Freiheit & Freude   wogen sein. Es soll sich mit einfachen Mitteln Begeiste-
                                                               rung  und  Lebensfreude  entwickeln.  Wir  sollten  Kinder
            Hilfe zur Selbsthilfe     Stirnrunzeln & Lachen    vorbereiten, die künstliche Welt des Glücksspiels nicht der
            Sicherheit & Vertrauen      Einatmen &  Ausatmen    Realität vorzuziehen.
            Aktion & Reaktion       Berechnung& Zufall       Wir können nicht alles per Gesetz regeln und hoffen, dass
                                                               es eingehalten wird. Es braucht vor allem ein eigenes Be-
          Wo verläuft die Grenze zwischen                      wusstsein für die Problematik – von uns allen. 
          Spiel und Sucht?
          Dieser Frage ging Prof. Sabine Grüsser-Sinopoli (1964-
          2008), die vor allem im Bereich der nicht stoffgebundenen
          Sucht forschte, auf den Grund. Zitat: «Anfangs steht der
          Spass am Spiel. Die Freude, etwas zu bewältigen, mächtig   Informationen
          zu sein, Kontrolle ausüben zu können oder in Phantasie-
          welten einzutauchen. Wenn aber das Spielen dazu dient,   Präventions-Trainingsangebot durch Michèle
          einer problembeladenen Realität zu entkommen, lernt das   Wilhelm und Raphaël Reinhard für Pädagogen,
          Gehirn wie bei einer Droge: Die Sucht tut gut, um über die   Eltern und Schulen
          Probleme  hinwegzukommen.  Dann  gelingt  das Bewälti-  Link: www.enoa.ch/...



                                                           51
   46   47   48   49   50   51   52   53   54   55   56