Page 45 - Spielinfo 1 2023
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V e r g a n g e n e   S p i e l w e l t e n




                                                               tum (Glocke) und dem germanischen Heidentum (Wotans
                                                               Hammer).  Die  Symbole  besitzen  allerdings  eine  unter-
                                                               schwellige erotische Konnotation, die in einigen der Kar-
                                                               tenbilder auch deutlich zum Ausdruck kommt. Plausibel
                                                               ist  daher  die  Annahme,  dass  Hammer  und  Glocke  das
                                                               männliche und das weibliche Geschlecht repräsentieren,
                                                               Hammer & Glocke also die Verbindung von Mann und
                                                               Frau, der Schimmel die Unschuld und das Wirtshaus das
                                                               Erwachsenwerden. Auf eine solche Deutung weist auch
                                                               die Tatsache hin, dass das Kartenspiel offenbar eine Ver-
                                                               bindung aus dem Würfelspiel mit den «Schimmeln» einer-
                                                               seits, besonders dem «Pachten», und einem frivolen Ge-
                                                               sellschaftsspiel von der Art der Blinden Kuh andererseits
                                                               darstellt. Dabei versteigerten junge Frauen einen Hammer
          gewöhnlich mässigen Einsatz mit Schimmelwürfeln spie-
          len lassen. Auf hohe Zahlen von Augen stehen gute Ge-  und eine Glocke an die mitspielenden jungen Männer. Wer
          winne, und auf den höchsten Wurf ist ein sehr grosser Ge-  den Hammer ersteigert hatte, musste mit verbundenen Au-
          winn gesetzt. Aber sie sind ziemlich sicher, dass hohe Au-  gen versuchen, mit dem Hammer möglichst viele Mitspie-
          gen sehr selten, und die höchsten Augen fast niemals ge-  lerinnen an Kopf, Hand oder Füssen zu berühren. Die so
          worfen werden». Eines der Schimmelspiele, das in Gesell-  Getroffene musste ihm ein Pfand leisten. Fing er keine,
          schaften gespielt wurde, hiess «Das Pachten».        musste er dem Besitzer der Glocke, der mit einem Klingeln
                                                               Höhepunkt und Ende des Spiels signalisierte, den doppel-
          Der grosse Erfolg von «Hammer & Glocke» führte dazu,   ten Preis des Hammers zahlen. 
          dass zwischen 1810 und 1830 etliche Varianten erschie-
          nen, wie das «Todtenkopf- und Kanonespiel», das «Spiel
          der  Schwarzen»,  das  «Amorettenspiel»,  «Die Kirmess»,
          «Das Schiff- und Fahnespiel», «Die Messgeschäfte», «Der
          Phönix und der Halbmond», «Herz und Pfeil», «Die Lici-
          tation» oder «Das Gasthaus der Fortuna». Im Zauberkas-
          ten, den Johann Wolfgang Goethe um 1830 seinem Enkel
          Walther schenkte, befinden sich Reste von drei «Hammer
          & Glocke»-Spielen sowie die Variante «Der Käfig».
          Die zahlreichen heute noch erhaltenen, oft mehrsprachigen
          Ausgaben  bezeugen,  dass  viele  Spielehersteller  mindes-
          tens  eine  «Hammer  &  Glocke»-Edition  im  Verlagspro-
          gramm hatten. Es gibt einfachere Ausgaben mit lediglich
          fünf  Karten  kleinen  Formats  und  den  acht  besonderen
          Würfeln, aber auch reicher ausgestattete Versionen, zu de-
          nen grössere Karten und sogar ein Hammer für die Karten-
          auktionen gehörte. Manchmal sind auch ein Würfelbecher   Informationen
          oder die zum Spielen unerlässlichen Jetons dabei. Kleinere   Zum Spiel: Ulrich Schädler, «Hammer und Glocke. Ein vergessenes
                                        Würfel   sind   aus    Spiel», in: Ernst Strouhal u.a. (Hrsg.) Spiele der Stadt. Glück, Gewinn
                                        Bein,  grössere  aus   und Zeitvertreib, Wien 2012; Klaus Reisinger, «Glocke und Hammer»,
                                        Holz  gefertigt.  In   Wien 2005.
                                        vielen  der  noch  er-
                                        haltenen Spielen fin-  Zu den Vorgängern: Victor Amédée Jacques Marie Coremans, «L’année
                                        det man Ersatzwürfel   de l’ancienne Belgique», Brüssel 1844, 128; Heinrich Handelmann,
                                                               «Volks- und Kinder-Spiele der Herzogthümer Schleswig, Holstein und
                                        oder -karten, die zei-  Lauenburg», Kiel 1862, Nr. 93.
                                        gen,  dass  das  Spiel
                                        lange in den Familien   Zur Mathematik: Johann Friedrich Häfeler, «Etwas über die Wahr-
                                        gespielt wurde.        scheinlichkeiten und Unwahrscheinlichkeiten bei einigen Würfelspie-
                                        Die symbolische Be-    len. Eine mathematische Abhandlung», Braunschweigisches Magazin,
                                        deutung  der  Motive   31. Stück, 4.8.1792. Joseph Vaisz, «Berechnung des Möglichen und
                                        Hammer,     Glocke,    Wahrscheinlichen», Kaschau 1820; Henri Ekama, «Het schimmel of
                                        Schimmel und Wirts-    klok en hamerspel», Nieuw Archief voor wiskunde 19, 1892; Guillaume
                                                               Jacques Daniel Mounier, «Volledige berekening van het Schimmel of
                                        haus  ist  einigermas-  klok en hamerspel», ebenda.
                                        sen  rätselhaft.  Man-
                                        che Autoren deuteten   Video
                                        das Spiel als Ausein-  Video von Ulrich Schädler über das Spiel –
                                        andersetzung   zwi-    sehenswert! (Französisch)
                                        schen dem Christen-    Link: www.youtube.com/...



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